BY Noemi Smolik in Reviews | 19 FEB 15
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Issue 18

Thomas Ruff

Kunsthalle Düsseldorf

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BY Noemi Smolik in Reviews | 19 FEB 15

Thomas Ruff, r.phg.s.05, 2014, from the series Fotogramme

Lichten nennt Thomas Ruff die Ausstellung seiner Fotoarbeiten, die nun, nachdem sie im S.M.A.K. in Gent zu sehen war, in der Kunsthalle Düsseldorf Station macht. Lichten verweist auf die Rolle des Beleuchtens für die Fotografie, auf das Ins-Licht-Rücken, das Klären und Aufklären. Tatsächlich verband man mit der Erfindung der Fotografie im 19. Jahrhundert die Vorstellung, endlich nüchtern und objektiv – daher ja auch der Name für die Linsenvorrichtung des Fotoapparates – die Wirklichkeit dokumentieren und erklären zu können. Dieser Objektivität verschrieb sich Ruff vor allem am Anfang seiner künstlerischen Laufbahn: mit seinen Interieurs (1979–83), den Portraits seit Anfang der 1980er Jahre, den Serien Sterne (1989–92) und Nächte (1992–96). Vor allem die Interieurs und die Portraits sind dabei in ihrer strengen Konzeptualität sichtbar um Objektivität bemüht.

Die Interieurs sind in Düsseldorf zusammen mit der _Sterne_-Serie im zweiten Stock zu sehen. Diese kleinen Fotos von penibel aufgenommenen Wohnungseinrichtungen der Eltern und Freunde von Ruff im Schwarzwald, die von einer beängstigenden Spießigkeit zeugen, und die riesigen, schwarzen Sternenbilder, die Ruff dem Archiv des European Southern Observatory entnahm, könnten wegen der kleinteiligen Gegenständlichkeit der Wohnungen und der Großflächigkeit der abstrakten Sternenbilder einen guten Gegensatz abgeben – nur: ein wirklicher Dialog entsteht nicht. Generell ist das ein Problem dieser Ausstellung: Die Hängung und Inszenierung der einzelnen Serien strebt Gegenüberstellungen und Dialoge an, ohne dass sie so recht aufgehen mögen.

Thomas Ruff, Interieur 1A, 1979, from the series Interieurs

Auch die nebeneinander aufgereihten Aufnahmen aus der Serie Nächte wirken in der hier präsentierten Menge schnell repetitiv. Angeregt durch die Nachtsichtaufnahmen, die während des ersten Golfkriegs 1990 bis 91 im Fernsehen auftauchten, begann Ruff für diese Aufnahmen entsprechende Nachtsichtgeräte zu verwenden – allerdings um völlig friedliche Hinterhöfe, Straßen, Hauseingänge in Düsseldorf aufzunehmen. Durch den Restlichtverstärker des Geräts typisch grünlich verfärbt, wirken diese Aufnahmen, denen es gelingt selbst der Dunkelheit Lichtabdrucke abzutrotzen, und so zur „Aufklärung“ beizutragen, geheimnisvoll, ja, gefährlich. Dass es sich dabei jedoch um harmlose Hinterhöfe handelt führt diese Aufklärungstechnik des Militärs aber sofort wieder ad absurdum.

In Düsseldorf werden die Nächte in einem Raum mit der 2014 entstandenen Serie Negative gezeigt: ursprünglich schwarzweiße Fotoaufnahmen aus der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, die in einem aufwendigen Computerverfahren wieder in Negative verwandelt und während dieses Verfahrens blau verfärbt worden sind. Sie zeigen Malerateliers aus einer Zeit, als die Konkurrenz zwischen dem gemalten und dem fotografisch hergestellten Bild begann, aber auch Porträts, „orientalische“ Landschaften oder Akte. In ihrer bläulichen Verfärbung, die durch die Umkehrung entsteht, wirken sie wie Aufnahmen einer geheimnisvollen Welt aus Eis.

Thomas Ruff, neg◊india_01, 2014, from the series Negatives

Doch den größten Raum in Düsseldorf nimmt die Serie Fotogramme ein, die Ruff seit 2012 anfertigt. Fasziniert von den Fotogrammen eines Lászlo Moholy-Nagy und Man Ray, die eigentlich direkte Lichtabdrucke von auf Fotopapier gelegten Objekten waren, begann Ruf mit diesem Verfahren zu experimentieren. Bei seinen Arbeiten handelt es sich streng genommen um kein Abbild mehr, sondern um digital hergestellte Bilder. Ruff übertrug die ursprünglich analoge Technik ins Digitale. Die Dunkelkammer wird sozusagen im Inneren des Computers virtuell eingerichtet, Objekte ins Dreidimensionale projiziert und in diesem virtuellen Raum bewegt und einem ebenfalls virtuellen Licht ausgesetzt. Durch dieses computergesteuerte Verfahren hinterlassen virtuell erzeugte und belichtete Wellen, Kristalle, Spiralen, Linsen und Schablonen Spuren auf einem simulierten Papier, das anschließend im C-Print-Verfahren auf reales Papier übertragen wird. Sie sind nicht nur, wie frühere Fotogramme, völlig ohne das Objektiv des Fotoapparats entstanden, sondern auch ohne Dunkelkammer. Mit diesen Fotoexperimenten wagt sich Ruff in eine weitere Dimension vor – und das ursprüngliche Streben der Fotografie, ein objektiver Zeuge der sichtbaren Wirklichkeit zu sein, rückt allmählich in weite Ferne.

Noemi Smolik is a critic based in Bonn, Germany, and Prague, Czech Republic.

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