BY Esther Buss in Profiles | 08 JUL 14

Gegen das Verschwinden

Zu den Filmen von Philip Scheffner

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BY Esther Buss in Profiles | 08 JUL 14

Ein Film beginnt und hat scheinbar doch noch nicht richtig angefangen. In The Halfmoon Files (2007) sitzt der Regisseur Philip Scheffner gleich in der ersten Szene (und im Laufe des Films noch mehrfach) im Büro des indischen Botschafters in Berlin, erkundigt sich nach den Formalitäten einer Drehgenehmigung in Indien, organisiert Kontakte und berichtet vom Stand seiner Recherchen – für einen Film, der sein Making-of in diesem Moment mit in die Erzählung hineinschreibt. Was für eine Art von Film er denn mache, möchte der Botschafter noch wissen – „It’s a ghost story“.

Scheffners Filme besitzen keine fest umrissenen Konturen, sie fransen aus. Sie haben viele Anfänge, geraten auf Abwege und mäandern in andere Bereiche, in andere Geschichten hinein. Immer wieder auch lassen sie etwas zurück, das nicht zu fassen ist: Unschärfen, Leerstellen, phantomhafte Präsenzen. Doch zunächst hat natürlich jeder Film einen ganz konkreten Anfang, ein ganz konkretes erstes Bild. Meist ermöglicht es keine Übersicht, sondern setzt seinen Standpunkt „mittendrin“ an (ohne dass man freilich wüsste, in was nun eigentlich). In Der Tag des Spatzen (2010) ist es ein dumpf gegen eine Glasscheibe knallender Vogel, in Revision (2012) ein Maisfeld als fast abstraktes All-over. Die sich nur langsam aus einem Nebelteppich herausschälende Aufnahme eines Flusslaufs in The Halfmoon Files mag zwar perspektivisch weiter gefasst sein, ist aber kaum weniger verstellt.

Konsequent filmt Scheffner, der inzwischen auf rund dreißig Jahre politische (und in seinen Anfängen: kollektive) Film-, Video- und Fernseharbeit zurückblicken kann, an den Standards des dokumentarischen Thesenfilms vorbei. Am Beginn jedes Projekts steht ein Fragment ohne thematische Absicherung: eine Zeitungsmeldung über einen angeblichen Jagdunfall auf einem Feld nahe der deutsch-polnischen Grenze; zwei zusammenhangslose Schlagzeilen über die Tötung eines Spatzen im niederländischen Leeuwarden und eines deutschen Soldaten in Kabul. Oder eine alte Schellackplatte aus dem Lautarchiv der Berliner Humboldt-Universität, auf der eine Tonaufnahme im nordindischen Dialekt zu hören ist. Scheffners Akribie – dazu gehören auch seine klaren, präzise kadrierten Bilder – ist nicht zuletzt der Versuch, Halt in einer Geschichte zu finden, die ihre Vermessungen (noch) nicht kennt. In The Halfmoon Files, einem Film, der das enge Zusammenspiel von deutscher Kolonialgeschichte, Wissenschaft und Unterhaltungsindustrie erforscht, geraten die räumlichen Gegebenheiten des Lautarchivs, angefangen von den Maßen des Raums bis hin zur Ordnung der Fächer, in den Fokus einer detaillierten Betrachtung. Scheffner sammelt und montiert zunächst unhierarchisch (und ohne die demonstrative Geste des Wissensvorsprungs) Geburtsdaten, Daten von technischen Erfindungen und politischen Ereignissen, Daten, die Auskunft geben über die Begegnung von Personen und historische Fakten. Davon ausgehend nehmen seine Erzählungen allmählich Gestalt an; Disparates wird dabei nicht in ein organisches Narrativ gezwungen, sondern bleibt als Unverträglichkeit stehen. Mitunter driftet die Erzählung auch auf scheinbare Abwege: so findet in The Halfmoon Files eine antiquarische Publikation mit Gefangenenportraits nicht nur aufgrund rassistischer Kategorisierungen Scheffners Interesse. Auch die auf den Freiflächen des Buchs vorgenommenen Zeichnungen und tagebuchartigen Eintragungen der einstigen Besitzerin werden minutiös in den Blick genommen.

Mit geradezu kriminalistischem Spürsinn werden in Revision die Umstände rekonstruiert, die 1992 zum Tod zweier Roma-Flüchtlinge an der EU-Außengrenze führten – etwa wenn Scheffner gemeinsam mit dem Kameramann minutenlang die Licht- und Sichtverhältnisse des Tatmorgens nachstellt (und damit ein Versäumnis polizeilicher Ermittlungen nachholt). Im „politischen Naturfilm“ (Scheffner) genannten Der Tag des Spatzen sucht der Regisseur gar mit dem Blick eines Ornithologen nach den Spuren des Afghanistankriegs in deutschen Naturlandschaften. Vom Krieg ist nichts zu sehen, und doch ist er da: in menschenleeren Bildern von Truppenübungsplätzen und umzäunten Kasernen, im Flusslauf der Mosel, der sich, wie man erfährt, besonders gut dazu eignet, Landemanöver in Afghanistan zu proben. Immer wieder aber scheint dem Regisseur der Gegenstand seines Films abhanden zu kommen, weshalb er den Blick einfach stur auf trügerische Idyllen richtet: Wiesen, Vogelschwärme, Spatzen beim Waschen des Federkleids.

Trailer zu _Revision_ (2012)

Methodisch gesehen sind alle Filme Scheffners Revisionen – und historiographische Untersuchungen. Denn mit der Freilegung verschütteter Geschichten treten auch die Verhältnisse von Geschichtsschreibung und Macht und die Machtasymmetrien, die ebenso dem Filmemachen inhärent sind, sichtbar hervor. Ungebrochene Talking Heads sind in den Arbeiten daher ebenso wenig zu finden wie die Suggestion eines objektiven Standpunkts, der den Verhältnissen äußerlich ist. In Revision dekonstruiert Scheffner die Opposition zwischen Fragensteller und Befragtem, Autorsubjekt und „Filmfigur“, wenn er die Gesprächspartner mit den Aufzeichnungen ihrer eigenen Aussagen konfrontiert und sie dazu auffordert, das Gesagte zu korrigieren oder zu ergänzen. „Ich würde so anfangen“: mit dieser um Orientierung ringenden Bemerkung setzt der retrospektive Bericht eines Interviewten ein. Sein Vater wurde zusammen mit einem weiteren Roma am 29. Juni 1992 beim versuchten Grenzübertritt von Jägern erschossen. Bei ihrer Festnahme gaben diese an, die Menschen in der Morgendämmerung mit Wildschweinen verwechselt zu haben. Grigore Velcu und Eudache Calderar, die in der Zeitungsnotiz als namenlose Tote auftauchten, und ihre Angehörigen werden in Revision erstmals zu Akteuren – in einer Geschichte, aus der sie von den politischen, juristischen und journalistischen Instanzen kaltschnäuzig herausgestrichen wurden. Auch in The Halfmoon Files arbeitet Scheffner gegen das Verschwinden, indem er versucht, der vor fast hundert Jahren aufgezeichneten Stimme eines Inders namens Mall Singh eine Identität zu geben. Singh geriet während des Ersten Weltkriegs als britischer „Kolonialsoldat“ in deutsche Gefangenschaft und wurde in Wünsdorf, im nördlich von Berlin gelegenen Speziallager „Halbmond“ interniert. Wissenschaftler, Anthropologen, Ethnologen und Linguisten sahen in dem Ort eine idealtypische Forschungssituation für die systematische Katalogisierung verschiedener Sprachen und Musik – sowie für Studien im Rahmen deutscher Rassenforschung. Eine rund vierminütige Filmaufnahme aus dem „Halbmond“Lager, die die Internierten gleichsam wie einen Menschenzoo präsentiert, ist im Film ungekürzt und ohne akustische Untermalung zu sehen. In anderen Sequenzen nimmt allein der Ton den filmischen Raum ein: das Knacken der Schellackrille und die Stimmen gesichts und geschichtsloser Personen werden zu einem eigenen, geisterhaften Körper.

Scheffners Filme formulieren ein Unbehagen an den politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen, und sie machen für das Verständnis von Welt etwas sehr Elementares: sie stellen Zusammenhänge her – zwischen Politik und Kunst, Kolonialgeschichte und ethnologischer Forschung, zwischen einem „Unfall“ an der deutsch-polnischen Grenze, europäischer Asyl- und Migrationspolitik und den Pogromen von 1992 in Rostock-Lichtenhagen. Das Ergebnis ist eine Textur, die durchlässig bleibt und dennoch ein Bild erzeugt – eines, das gerade in seiner Unvollständigkeit zu so etwas wie Wahrheit findet. Zum Filmen nach Indien ist Scheffner übrigens nie gefahren.

The Halfmoon Files und Der Tag des Spatzen sind 2013 bei Filmgalerie 451 zusammen auf einer DVD erschienen. Die DVD von Revision ist im Juni 2014 bei good!movies erschienen.

Esther Buss works as a freelance film and art critic in Berlin.

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